Mit dem Forstamt der Stadt Springe hat der Verein Waldbiene e.V. ein Kooperationsprojekt gestartet. Uns wurde eine kräftige Buche zur Verfügung gestellt. Sie ist stark und groß genug, in ihrem Stamm eine Baumhöhle in ausreichender Größe (ca. 40 Liter) für ein Bienenvolk unterzubringen. Der Verein Waldbiene e.V. schuf im Rahmen des Workshops vom 22. bis 24. Februar 2019 diese Baumhöhle nach dem Vorbild der Zeidlerei. Damit ist eine geeignete und sehr naturnahe Behausung für Honigbienen geschaffen worden. Gleichzeitig erlaubt sie die intensive Beobachtung und eine imkerliche Betreuung. Eine Honigernte ist nicht vorgesehen. 

 

Am 2. Mai 2019 ist ein großer Bienenschwarm in die Baumhöhle eingezogen,. Wegen der Kälte vor allem in der ersten Maiwoche war der Start zwar schwierig. Bis zum Sommer entwickelte sich dennoch ein starkes Volk.  Ab August stellten wir einen starken Varroabefall fest. Wir sahen uns zur Behandlung gezwungen. Geholfen hat es nicht. Mitte Oktober war das Nest verlassen. Nur ein großes Wabenwerk mit Honig, Pollen und wenigen Brutzellen blieb zurück. Im Folgenden beschreiben und analysieren wir die Geschehnisse genauer. Uns interessiert vor allem: Warum ist das Volk gestorben?  


Herbst: Das Bienenvolk ist abgängig und stirbt

Das Volk in der Zeidlerbuche ist gestorben. Am 19.10.2019 sind keine Bienen im Nest auffindbar – auch keine toten. Einige Tage nach dieser traurigen Feststellung wurde zu Zwecken der Dokumentation und Analyse die Baumhöhle komplett ausgeräumt (siehe Foto). Mit viel Vorsicht haben wir es geschafft, die zehn Waben ohne Zerstörung zu bergen. Mit Baumkletterer-Ausrüstung am Seil hängend bzw. auf der Leiter stehend wurde zu zweit in 5 Metern Höhe gearbeitet. 

Größenverhältnisse im Stamm der Buche

Raumaufteilung im Stamm der Buche


Das Wabenwerk hatte eine maximale Ausdehnung von 70 cm in der Länge, bei einer Breite von 30 cm. Es füllte damit nahezu die komplette Nisthöhle mit insgesamt 10 unterschiedlich großen Einzelwaben aus. Die Wabenoberfläche mit Vorder- und Rückseite betrug fast 19.000 cm² (siehe Skizzen). Dies entspricht ca. 9 Dadant-Bruträhmchen. 

 

In der Bruthöhle haben wir Futtervorräte von ca. 6 kg vorgefunden (heller, nicht kristallisierter Lindenhonig). Das Volk ist nicht beräubert worden. Wir nehmen an, dass diese Futtermenge für eine erfolgreiche Überwinterung wegen der sehr guten Isolierung der Baumhöhle ausgereicht hätte. Die durchschnittlichen Wandstärken der Buche in der Horizontalen betragen über 20 cm massives Holz. In der Vertikalen isolieren mehrere Stammmeter.

Warum ist das Volk gestorben?

  • Der Varroadruck im Bienenvolk war Ende August mit 17 Milben/Tag natürlicher Milbenfall unerwartet hoch. Die Varroaproblematik hatten wir bis zu diesem Zeitpunkt im August falsch eingeschätzt. Unsere erste Kontrolle am 22. 8. und damit auch die erste Varroabehandlung mittels Oxalsäureverdampfung kam am 25.8. viel zu spät. Bis Ende September wurden in Abständen von mehreren Tagen insgesamt 5 Behandlungen durchgeführt. Am Ende summierte sich die Zahl der gefallenen Milben auf 1.300. 

    Dieser hohe Varroadruck scheint zunächst ungewöhnlich für einen Naturschwarm im ersten Jahr. Auf den zweiten Blick ist er jedoch verständlich: Unser Naturschwarm hatte ein Eigengewicht von über 3 kg. Dies entspricht fast der doppelten Menge eines „normalen“ Naturschwarms. Die Königin hatte zusammen mit ihrem Volk nach dem Einlogieren am 2. Mai ein enormes Brutnest angelegt und insgesamt fast das gesamte Höhlenvolumen zumindest zeitweise durchgebrütet (die Analyse des Wabenwerks ergab, dass 76 % der Gesamtwabenfläche mehrfach bebrütet wurde). Diese Brutfläche, vergleichbar mit der eines Wirtschaftsvolkes, bietet optimale Voraussetzungen für eine starke Milbenvermehrung. Verhonigt, und damit nach unten verschoben, wurde das Brutnest erst mit Beginn der Lindenblüte Ende Juni. Die ab diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehende Brutfläche von gut 16.000 cm²  bietet einer Königin noch immer ohne Einschränkung Platz. Auch diese Fläche entspricht in etwa der eines Wirtschaftsvolkes (zum Vergleich: Der angepasste Brutraum mit 6 Dadant-Bruträhmchen inklusiv Drohnenfläche, stellt einer Königin ca. 13.000 cm²  zur Verfügung).
  • Bei Naturschwärmen ohne genaue Herkunftsangaben (wie in unserem Fall) kennt man das Alter der Königin nicht. Beim Einlogieren Anfang Mai 2019 haben wir die Königin gesehen (siehe Foto). Sie wirkte abgekämpft und in die Jahre gekommen. Eventuell sind solche Königinnen anfälliger in Krisensituationen (Varroadruck und/oder Varroabehandlung). 

Suchbild: Wo ist die Königin? 

Aus dem Beutenbuch: 
Datum gezählte Milben nach Tagen Milben aufsummiert Milben/Tag
22.08.19 50 3 50 17
25.08.19 Oxalsäureverdampfung
29.08.19 53 4 103 13
30.08.19 Oxalsäureverdampfung
02.09.19 146 3 249 47
09.09.19 105 7 354 14
14.09.19 150 5 504 23
14.09.19 Oxalsäureverdampfung
17.09.19 250 3 754 33
17.09.19 Oxalsäureverdampfung
19.09.19 250 3 1004 33
24.09.2019* 220 7 1224 23
28.09.19 63 4 1287 13
28.09.19 Oxalsäureverdampfung
19.10.19 13 21 1300 0
23.10.19 Das Nest wird ausgeräumt + die Waben untersucht 
*  = ungewöhnliches Rauschen nach dem Aufbrausen
  • Im abgestorbenen Volk haben wir vereinzelt Eier gefunden sowie auf einer Wabe rund 50 stehengebliebene verdeckelte Brutzellen von Arbeiterinnen. Diese Zellen waren nur vereinzelt mit Milben parasitiert. Zentral im Brutnest konnten wir auf einer Wabenseite 4 benachbarte verdeckelte Königinnenzellen feststellen, die wir als  Nachschaffungszellen interpretieren (siehe Detailfoto). Diese Brut hat es nicht mehr geschafft zu schlüpfen. Vermutlich war das Volk wegen des starken Milbendrucks und der damit einhergehenden Schwächung zu einer Brutpflege nicht mehr in der Lage.  
  • Bei einem Kontrollbesuch am 24. September wurde mittels  Klopfprobe ein ungewöhnliches, länger anhaltendes Brausen vermerkt. In den letzten Tagen war vermutlich eine Weisellosigkeit eingetreten. Dies deckt sich mit dem Fund der oben erwähnten Nachschaffungszellen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob unabhängig von der Varroainfektion die Königin anderweitig Schaden genommen hat, z.B. mechanisch oder bei einer Oxalsäureverdampfung. Diese Frage bleibt unbeantwortet. 

Fazit:

  1. Für Auswilderungsprojekte sollten keine zu großen Schwärme verwendet werden.
  2. Vorteilhaft erscheinen einjährige Qualitätsköniginnen (bevorzugt aus Schwarmzellenaufzucht, wie z.B. bei Naturschwärmen).
  3. Ist unser Höhlenvolumen von 42 Liter zu groß? Ein zu großes Brutnest, ohne Phasen der Bruteinengung durch Verhonigen, bei starkem Trachtangebot, könnte die Varroavermehrung fördern. Es stellt sich die Frage, ob eine Reduzierung auf ¾ des Ausgangsvolumens = 31 Liter bzw.  14.000 cm² Wabenfläche naturgemäßer wäre. 
  4. Wir haben gelernt wie wichtig die rechtzeitige und regelmäßige Kontrolle des natürlichen Milbenfalls schon ab Anfang Juli ist! Zu diesem Zeitpunkt hätte eine Varroabehandlung noch erfolgversprechend eingesetzt werden können. Sollte sich in den Folgejahren eines neuen Volkes ein natürliches Gleichgewicht zwischen Schwarmtätigkeit-Brutpause-Milbenbefall einstellen, haben wir die Hoffnung im weiteren Verlauf auf eine Varroabehandlung verzichten zu können. 

Spätsommer: Weichenstellung für die kommende Überwinterung

Im Spätsommer werden die Weichen gestellt, ob ein Volk gesund und gut versorgt durch den Winter kommt. Eine gute Honigsaison liegt hinter uns. Auch unser Volk hat davon profitiert und im Sommer reichlich Überschüsse angelegt. Diese werden in den kommenden Wintermonaten überwiegend in Wärme umgesetzt. Wir verzichten deshalb auf eine Zufütterung und vertrauen auf die Haushaltungsinstinkte unseres Bienenvolkes.

Etwas anders verhält es sich mit der Varroa-Parasitierung. An diesen Schädling konnte sich unsere westliche Honigbiene (Apis mellifera) bisher nur unzureichend anpassen. Im Spätsommer steigt die Anzahl der Varroamilben in einem Bienenvolk überproportional an. Wird eine bestimmte Schadensschwelle überschritten, überlebt ein Volk i.d.R. nicht.

Wir möchten das Übeleben unseres Bienenvolkes in der Zeidlerbuche im ersten Überwinterungsjahr nicht auf’s Spiel setzen. Es muss sich dem Leben in freier Wildbahn anpassen und Überlebensstrategien nach und nach entwickeln. Deshalb entscheiden wir uns für eine integrierte Varroabehandlung: Ist ein bestimmter Schwellenwert der Varroaparasitierung überschritten, erfolgt eine Behandlung mit organischen Säuren.

22.08.2019: Zur Varroa-Kontrolle wurde am 19.8. ein Wachstuch ausgelegt (ganz oben rechts gerade sichtbar). Es bedeckt ca. 50% des Beutenbodens. Nach 3 Tagen finden sich ca. 50 Varroamilben auf dem Wachtuch und auch viele daneben (17/Tag). Vor allem in den Ritzen, wie die Bienen nicht hinkommen, liegen viele tote Milben.   

Am 25. und 30. 08., sowie am 14., 17. und 28.9.2019 folgen 5 Behandlungen: Nach deutlicher Überschreitung des Schwellenwertes (5 Varroen/Tg) , entscheiden wir uns für eine Behandlung mittels Verdampfung von Oxalsäure. Unten am Fuße der Buche steht der Verdampfer. Der Dampf wird mit einer Luftpumpe in einem durchsichtigen Schlauch nach oben gepumpt. Um das schnelle Entweichen des Dampfes zu verhindern, bleibt in den ersten 3 Min. das Flugloch mit einem Tuch verschlossen.

28.09.2019: Blick auf das eingelegte Wachstuch im Boden der Baumhöhle. Gezählt wurden alle Milben, die auf das Wachtuch fielen und zusätzlich die mit einer Zahnbürste herausgefegten. Seit Behandlung sind insgesamt ca. 1300 Varroamilben gefallen (40 V/Tg).  



Sommer

27. Juni 2019: Morgens um 8:00 bei ca. 12 Grad: Die Bienen lagern vor. 

17. Juli 2019: Das ganz normale Drohnensterben hat eingesetzt. Getestet wird ein Wachstuch. Es soll der Varroakontrolle dienen. Gefunden wurde 1 Milbe in 3 Tagen. 

30. Juni 2019: Die Baumhöhle ist voll ausgebaut. 



Frühling

7. Mai 2019: Wegen der Kälte wurden in der 1. Woche 3x 300ml 0,7:1 Zuckerlösung angeboten. Kondenswasser aus dem Innenraum läuft außen am Stamm herunter. 

19. Mai 2019: Das Wabenwerk wächst schnell und sehr geordnet. Die Baumhöhle ist trockener geworden. 

09. Juni 2019: Die Baumhöhle ist fast ausgebaut. Das Wabenwerk wird von Bienen vollständig abgedeckt.  Spielnäpfe sind zu finden: Erste zaghafte Ansätze für eine beginnende Schwarmstimmung. 



Einzug und Aufbau: Entwicklung des Wabenbaus

3. bis 10. Mai

Die Wetterdaten zeigen für die ersten Tage nach dem Einzug der Bienen (2. Mai) einen extrem ungünstigen Verlauf. Unter diesen Bedingungen waren die Bienen nicht in der Lage Nektar zu sammeln. Sie mußten von ihren Reserven leben. Sie verfügen aber nur über Reserven, die sie mitnehmen können. Danach ist nach 3 Tagen dieser Vorrat verbraucht. Ohne Zufütterung wäre dieses Volk also verhungert und damit verloren.    


2. Mai 2019: Der Einzug

Der Einzug war erfolgreich. Ein Riesenschwarm (über 3 kg) aus Ronnenberg wurde uns am 1. Mai gemeldet. Eine schnelle Entscheidung war notwendig. Die Rapsblüte entwickelte sich in diesem Jahr nicht wie gewünscht. Außerdem war sie bereits im Abklingen. Aus diesem Grund haben wir uns trotz der für die Bienen ungünstigen Wetteraussichten für diesen Naturschwarm entschieden. 


Vorbereitungen für diesen Tag:

Gerüstbau

Die ersten Schritte: Einen interessierten Förster finden. Einen geeigneten Baum aussuchen. Der Baum muss dick genug sein (in Brusthöhe mind. 90 cm Durchmesser). Es eignen sich grundsätzlich alle Baumarten. Sich für die geeignete Stelle am Baumstamm entscheiden. Besonders bei Buchen abfließendes Regenwasser beachten. Dann Gerüst bauen. Es dient in der erste Phase beim Aushöhlen und bei der Besiedlung. Nach ca. 6 Wochen nach der Besiedlung wird das Gerüst wieder abgebaut.    

Klotzbeutenbau

Als Vorbild dient der Bau einer Klotzbeute nach Art der Zeidler. Heute erleichtert die Kettensäge das Aushöhlen durch gezielte Schnitte. Ausgehöhlt wird der Stamm mit Hohldexel, Beiteln, Stech- und Brecheisen.   

Das Flugloch wird mit einem Fluglochkeil so verkleinert, dass zwei Schlitze das Ein- und Ausfliegen der Bienen ermöglicht, Vögel oder größere Insekten aber abgehalten werden. Am Ende wird das Arbeitsloch mit einem angepassten Spundbrett verdeckelt. Dieses Arbeitsloch dient der imkerlichen Betreuung. Zum besseren Schutz gegen Spechte, wird dieses durch ein Kissen verdeckt (ein Bündel Zweige).  

Naturschwarm

Wir verwenden einen Vorschwarm. Dieser erste abfliegende Naturschwarm im Jahreszyklus hat eine begattete Stockmutter. Sie hat sich bereits als vitale „Königin“ bewährt. Zurückgelassen wird im Muttervolk eine Vielzahl verdeckelter Schwarmzellen mit „Jungköniginnen“, die i.d.R. eine Woche später schlüpfen. Naturschwärme sind physiologisch auf einen Neuanfang als Bienenkolonie vorbereitet. Sie sind optimal zusammengesetzt und stimuliert, ihr Honigmagen hält Futterreserven für rund 3 Schlechtwettertage bereit. 

 

Zurück bleibt ein Altvolk mit wenig Flugbienen, großen Futterreserven, viel verdeckelter Brut und deren Parasiten ggfs. auch mit Krankheitserregern. Die Zukunft des Altvolkes liegt in der Hand einer jungen unbefruchteten Königinn, die ihren Hochzeitsflug noch vor sich hat. So teilen sich Vor-, Nachwärme sowie Altvolk das Risiko einer ungewissen Zukunft, die vor allem abhängig ist vom Wetter.

 

Hat man keinen Naturschwarm zur Hand,  kann für ein derartiges Besiedelungsprojekt  auch auf einen sog. Kunstschwarm mit junger, begatteter Königin zurückgegriffen werden. Bei der Arbeit mit Kunstschwärmen kann in der Anfangsphase der Besiedlung, neben anderen wichtigen Aspekten der guten imkerlichen Praxis, keinesfalls auf eine bedarfsgerechte 0,7:1 Flüssigfütterung (Zucker-Wasser-Verhältnis) verzichtet werden. Der Grund dafür ist: Ein Kunstschwarm ist unvorbereitet  vom Imker zum Neuanfang gezwungen worden. Bei optimaler Betreuung gleicht sich im späteren Verlauf die Entwicklung des Kunstschwarmes der des Naturschwarms an. 


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